Fischland-Darß-Zingst-Ultramarathon FDZU ® Längster Naturerlebnislauf in Mecklenburg-Vorpommern
Fischland-Darß-Zingst-Ultramarathon   FDZU ®Längster Naturerlebnislauf in Mecklenburg-Vorpommern

1. Ostseestädtelauf nach 41 Jahren wiederbelebt

Es ist 02.30 Uhr am 17. November 2018. Wir starten mit dem Auto in Zingst. Unser Ziel ist klar. Wir wollen pünktlich am vereinbarten Treffpunkt in Rostock sein. Es ist morgendlich frisch und wir begegnen gleich hinter Fuhlendorf den ersten Hirschen direkt auf der Straße. Wir sind hell wach, wissen wir doch, dass wir um diese Uhrzeit nicht allein auf der Straße sind. Doch es bleibt bei dieser Begegnung und so kommen wir gegen 03.30 Uhr in Rostock an. Wir suchen uns im Schein der Laternen einen Parkplatz unterhalb des Kröpeliner Tores. Es sind komfortable 4 Grad Celsius.

Unser Team ist überschaubar. Von unserer FDZU-Crew sind heute dabei:

Rene Vaegler (Läufer)

Henry Fiddike (Läufer)

Jörg Beyer (Versorger auf den ersten 40 km)

Kristin Fiddike (Versorger auf den zweiten 40 km)

Jens Radermacher (rückwärtige Sicherstellung)

Wir schauen uns nach Jörg um und können ihn nicht finden. Ist ja auch noch Zeit. Wir rufen ihn an und Jörg ist überrascht, dass wir so früh schon da sind. Er hat es nicht so weit und trifft wenig später bei uns ein. Wir sortieren unsere Ausrüstung und gehen langsam zum Kröpeliner Tor.

Am Tor machen wir schnell noch ein paar Fotos und wechseln ein paar nette Worte mit einem frühen Fußgänger. Dann geht es auch schon los. Um 04.10 Uhr starten wir unseren Ultramarathon über 80 Kilometer. Vor uns liegt eine Strecke, von der wir nicht wissen, wie sie wirklich aussieht. Eines ist klar, wir wollen in Stralsund ankommen. Unsere Strecke folgt den Spuren des 1. Ostseestädtelaufes vom 12. November 1977. Fast genau auf den Tag nach 41 Jahren wollen wir herausfinden, ob die Strecke heute noch laufbar ist. Vieles hat sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Und so starten wir nun in unser Laufabenteuer auf der Suche nach dem richtigen Weg. Jeder Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Unser Weg begann bereits sehr viel früher, nämlich mit dem Testlauf über 104,1 Kilometer um die Boddengewässer der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst. Bei diesem Lauf hat mich Jörg auf dem Rad begleitet. Heute hat er die Versorgung auf den ersten 40 Kilometern übernommen. Da wir uns nach dem Test für eine Fortsetzung entschlossen haben, folgten bald die ersten Vorbereitungen für den 1. FDZU. Zu dieser Zeit bekamen wir Kontakt zu Gudrun Berkholz. Sie ist nachgewiesenermaßen die erste Frau, die um die Boddengewässer gelaufen ist. Gudrun hat all die Zeitungsartikel von den Ostseestädteläufen aufgehoben und uns zur Verfügung gestellt. Und so kamen wir in den Besitz des Artikels zum 1. Ostseestädtelauf.

Dort fanden wir Hinweise auf die Orte, welche damals durchlaufen worden sind. Das sind die Orientierungspunkte für unseren heutigen Ultramarathon über 80 Kilometer.

 

Gestartet wurde 1977 am Panzerdenkmal in Rostock. Das Denkmal gibt es heute nicht mehr und so fällt unsere Wahl auf das schöne Kröpeliner Tor.

Wir laufen den Boulevard entlang bis zur Rostocker Universität und passieren die Durchfahrt rechts in Höhe des Barocksaales. Vorbei am Ständehaus und dem Steintor steuern wir den Ortsausgang in Richtung Sanitz an. Eben noch grübeln wir über das Kuhtor, da sind wir auch schon am Ortsrand.

Wir passieren Roggentin, Broderstorf und Groß Lüsewitz. Um 06.49 Uhr durchlaufen wir Sanitz und können bereits den Sonnenaufgang erahnen.

Wir schicken schnell noch ein paar Morgengrüße auf die Reise und setzen dann auch schon unsere Reise fort. Es gibt am Morgen in östlicher Richtung einen sehr hellen Stern, der uns noch eine ganze Weile beschäftigen wird.

Unser nächster Ort ist gut über Radwege zu erreichen. Wir erleben den Sonnenaufgang um 07.29 Uhr in Reppelin. Wir sind fasziniert von den windschiefen Häusern, deren Ziegel den Konturen des Fachwerkes folgen.

Auf geht’s nach Dettmannsdorf über einen sehr langen Straßenabschnitt. Dort wartet unsere Versorgung direkt an der Tankstelle. Es locken Kaffee und Gebäck und des Ultramarathonläufers kleines Glück, eine beheizte Toilette. Geht auch anders, ich weiß, aber wenn wir schon mal da entlang kommen. Dort angekommen, bewundern wir zunächst aber den alten kleinen Bahnhof in Dettmannsdorf. Die Anlage ist noch gut erkennbar und wir ahnen, in welchem Gebäudeteil die gute alte Mitropa eingerichtet gewesen sein könnte.

Ab hier nun folgen wir dem alten Bahndamm und stellen fest, dass dies einer der schönsten Abschnitte auf unserer Laufstrecke ist.

Unser nächstes Ziel ist Kneese. Dort wartet Jörg wieder auf uns. Auch Kristin hat sich inzwischen gemeldet. Sie ist bereits am vereinbarten Punkt in Bad Sülze. Da es doch etwas frisch ist, wenn man nur im Gelände wartend herumsteht, empfehlen wir ihr, zum Versorgungspunkt nach Kneese zu fahren. Wir sehen uns dann alle dort. Doch leider hat die Bahn einen anderen Weg nach Bad Sülze genommen. Wir genießen die Aussicht und fahren mit der Bahn … äh, will sagen: laufen dem alten Gleisbett folgend südlich an Kneese vorbei. Wir erkennen noch die Häuser von Kneese auf der anderen Seite vom angrenzenden Acker und navigieren unsere Versorger gleich weiter nach Bad Sülze.

Wir sind beeindruckt vom Bauwerk des alten Bahndammes. Er ist teilweise so hoch angelegt, dass wir von oben her in diese fantastische Landschaft schauen können. Greifvögel fliegen vor uns den Weg entlang, elegant gleitend von Ast zu Ast.

Am Ortsrand von Bad Sülze folgen wir wieder den Straßen. „Wo wollt Ihr denn hier hin? Da bekommt Ihr nasse Füße?“ Ja, geht es denn hier nicht zum alten Bahnhof? Ein freundlicher Anwohner navigiert uns über einen Schleichpfad zurück auf den Bahndamm. Recht hat er, denn der Zug hält bekanntlich nicht im Wartesaal. Uns so taucht vor uns der alte Bahnhof von Bad Sülze in Form einer größeren Baustelle auf. Er ist denkmalgeschützt und wird zu schönen Eigentumswohnungen, zum Teil mit eingebauter Sauna. Auf der Seite des alten Bahndammes entstehen die zugehörigen Terrassen und so haben die zukünftigen Bewohner einen superweiten Blick in die vorgelagerte Landschaft.

Wir begrüßen Kristin und verabschieden uns von Jörg. Er hat uns sehr gut unterstützt auf den ersten 40 Kilometern. Schön, wenn man solche Freunde im Team hat.

 

Hinter der Ortsrandsiedlung von Bad Sülze verabreden wir unseren nächsten Versorgungspunkt. Jetzt laufen wir direkt durch den Ort. Auf der anderen Seite angekommen, führt unser Weg entlang an schier unendlich erscheinender Landschaft. Die Recknitz, ein alter Grenzfluß zwischen Mecklenburg und Pommern, liegt hinter uns und links vor uns das Rauhe Moor. Nach einiger Zeit sind dann am Horizont auch schon die Konturen von Tribsees zu erkennen. Und uns wird wieder einmal mehr die Weite unserer Strecke bewußt.

Direkt neben unserem Versorgungsfahrzeug parken auch die freundlichen Helfer der Polizei. Sie kontrollieren den wegen der Baustelle auf der A20 umgeleiteten Verkehr. Wir kommen ins Gespräch und sie interessieren sich sehr für unseren Ultramarathon. Wir genießen unser Büfett unter freiem Himmel und laufen weiter in Richtung Tribsees.

In Langsdorf kennt Rene eine gute Softeisbude. Wir machen Halt und kühlen uns mit einer schönen Portion Softeis. Was für ein Genuss!

Bei Tribsees überqueren wir die Trebel und freuen uns über diesen urisch anmutenden Fluß. Leider ist dies auch die Gegend, wo sich die Autobahn verselbstständigt hat. Wir sehen noch mindestens zwei Baustellen und haben eine kleine Vorstellung von dem, womit sich die Baufirmen hier herumplagen.

In Tribsees steuern wir einen Bäckerladen an und genießen einen Kaffee. Und danach geht es auch schon direkt weiter. Auf der Strecke über Drechow nach Müggenhall macht mir der Kaffee echte Probleme. Vielleicht hätte ich noch etwas essen sollen. Mir ist flau in der Magengegend und ich muß mich bis Müggenhall regelrecht durchbeißen. Rene geht es besser und er wartet immer mal wieder auf mich. Wir laufen hier erneut am Straßenrand und müssen sehr auf den entgegenkommenden Verkehr achten. Die Fahrer schauen der Sonne entgegen und sehen uns manchmal gefühlt etwas spät. Ich laufe vorne, da ich mir eine Signalweste übergezogen habe. Wir denken, dass das hilfreich ist. Noch ein paar Kilometer, dann sind wir am nächsten Versorgungspunkt in Müggenhall. Es wird Zeit, dass ich etwas zu essen bekomme.

Doch das Erste, woran wir in Müggenhall denken, ist ein Foto von diesem fantastischen Sonnenuntergang.

Das Dorf ist sehr überschaubar. Und so kommt es, dass wir die Aufmerksamkeit der Bewohner erregen. Zumindest hinter verschlossenen Fenstern schauen sie immer mal wieder, was wir denn da so treiben. Wir winken ihnen freundlich zum Abschied und machen uns erneut auf den Weg. Unser nächstes Ziel ist Richtenberg.

 

Richtenberg und Franzburg sind zwei schön gelegene Städtchen in direkter Nachbarschaft. Sie „teilen“ sich einen See, welcher zwischen beiden Orten liegt. Allerdings ist es ein streitbares Teilen. Nun weiß man nicht, ist es der Richtenberger oder gar der Franzburger See. Der ADAC hat auf seiner Karte diesen See vorsichtshalber nicht ausgewiesen. Doch wir genießen den Anblick dieses wunderbaren Ensembles.

Hinter Richtenberg folgen wir dem Radwanderweg „Mecklenburgische Seenplatte – Rügen“ und sind froh, wieder einmal abseits der Straßen laufen zu können. Unser nächster Versorgungspunkt soll am Ortseingang von Steinhagen sein. Nur der Radweg weiß nichts davon. Es ist bereits wieder dunkel und in der Ferne leuchten die Laternen von Steinhagen. Auf unserem Weg leuchtet nur unsere Stirnlampe. Jens sei es gedankt. Ohne ihn wäre es hier duster wie im … Nein, nein, dies ist ein ordentlicher Laufbericht. Wir laufen immer weiter weg bei der Umgehung von Steinhagen. Es besteht noch Hoffnung, am Ortsende wieder heraus zu kommen. Aber auch diese Hoffnung zerschlägt sich wenig später. Wir rufen Kristin an und bitten sie, zum nächsten Versorgungspunkt am Ortsausgang von Negast in Höhe des Borgwallsees vorauszufahren.

Uns umgibt inzwischen schwarze Nacht, Nebel und Wald. Ohne unsere Lampe wäre hier nichts erkennbar. In der Ferne entdecken wir ein diffuses Licht und vermuten dort die nächste Ortschaft. Doch es ist nur ein Irrlicht. Es wird irgendwann größer und scheint uns entgegenzukommen. Das Laub am Boden ist bereits wieder leicht überfroren. Unser Licht entpuppt sich als Radfahrer. Wir fragen nach dem Namen der nächsten Ortschaft und unsere Hoffnung wird bestätigt. „Wo kommt Ihr denn her?“ Wir berichten kurz, was uns hier antreibt. „Habt Ihr in Stralsund ein Quartier?“ nein, brauchen wir auch nicht. Wir sind in der Gegend zu Hause. Unser Gesprächspartner staunt und kann noch nicht so recht glauben, was für Verrückte ihm da mitten in seinem dunklen Wald begegnen. Wir verabschieden uns freundlich und laufen weiter hinein in die Dunkelheit.

Als wir nach einer wohltuenden Pause mit einer weiteren tollen Verpflegung uns wieder in Gang setzen wollen, merken wir, dass die Brücke zwar das Kommando hat, der Maschinenraum allerdings das Sagen. Etwas behäbig kommen wir langsam wieder in Fahrt.

Der Nebel wird immer dichter. Kein Wunder, denn bis zum Borgwallsee ist es nicht sehr weit. Wir sehen nur wage mit unserem Licht den Weg. Entgegenkommender Verkehr macht es nicht einfacher. Zum Glück sind wir hier immer noch auf dem Radwanderweg unterwegs. Wir halten für uns fest, dass wir rechtzeitig mit Einbruch der Dunkelheit die schützenden Radwege erreicht haben.

Weiter geht es nun über Lüssow direkt nach Stralsund. Uns gehen die Bilder von Rostock heute früh um 04.00 Uhr durch den Kopf. Es ist zunehmend klar: das Ding ist im Kasten.

41 Jahre nach dem 1. Ostseestädtelauf haben wir nachgeschaut, wie es der alten Strecke heute geht. Sie ist gut drauf und verlangt einiges von ihren Läufern. Wir haben auch den Eindruck, dass sie eine angenehme Gastgeberin ist. Wir resümieren, das machen wir bestimmt noch einmal. Wir besuchen sie wieder, aber heute wollen wir erst einmal nur ankommen. Es sind noch ein paar Kilometer. Wir können allerdings schon die hanseatische Luft schnuppern. Was für ein Lauftag!

Am Stadtrand der Hansestadt Stralsund ziehen wir uns unsere FDZU-Shirts über und laufen mit breiter Schulter nach Stralsund hinein. Es wird eine 17-Stunden-Zeit, aber dies war uns von Beginn an nicht so wichtig. An der alten Stadtmauer zur historischen Stadt werden wir von Kristin und Rene’s Eltern erwartet. Wir sind da nach 17:16:00 h.

Wir treffen in Stralsund bei Temperaturen von -1,5 Grad Celsius ein und freuen uns sehr über diesen gelungenen Lauftag.

Rene, Kristin, Jörg, Jens

und Henry

Mit freundlicher Unterstützung durch:

Vineta-Stadt

Barth

Leichtathletikverein Ribnitz-Damgarten / Sanitz e.V.
Gemeinde Zingst

Segel-macherei Boldt

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